Adventskalenderblattwerk 11 vom 11.12.2025: allEINsam

Im Oktober war ich zu zwei tollen Veranstaltungen im Rahmen der KölnBonner Woche für Seelische Gesundheit sowie tags zuvor bei der Eckhard Busch Stiftung eingeladen. Für sie hatte ich extra zum Thema des Abends einen Spoken Word Poetry-Text geschrieben: allEINsam. Heute bin ich zu einer Podcastaufnahme in Köln eingeladen, und ich freue mich riesig, dass auch in diesem Gespräch Einsamkeit das Themasein wird. Nicht, weil es ein so schönes ist, sondern weil es ein wichtiges ist – und weil ich in Vorbereitung auf diese Events sehr viel über mich selbst gelernt und mir bewusst gemacht habe.

Vielleicht denkt man bei dem Begriff an alte Menschen, die im Seniorenheim hocken und nie Besuch bekommen. Doch sich einsam zu fühlen kann in jedem Lebensabschnitt und in jeder Lebenssituation vorkommen: Kinder, die nicht in die Klassengemeinschaft aufgenommen werden, weil sie anders und Außenseiter:innen sind; neu Zugezogene, die keinen Anschluss in der Nachbarschaft finden; Eheleute, die sich voneinander entfernt haben und beide ihr eigenes Ding machen; Kolleg:innen, die zwar in einem Team arbeiten, aber dennoch einzeln für sich und gegen die Konkurrenz der anderen kämpfen.

Aber Einsamkeit kann auch mit psychischen Erkrankungen einhergehen – in beide Richtungen: Zum einen kann ich einsam sein und dadurch, zum Beispiel, der Depression Vorschub leisten oder sie verstärken. Zum anderen kann eine Erkrankung einsam machen: Menschen wenden sich vielleicht ab, weil sie a) die Krankheit negieren oder nicht verstehen, weil sie b) selbst keine Kraft mehr haben, mich zu begleiten, weil ich c) durch Selbstfürsorge und das Setzen von Grenzen eventuell für andere nicht mehr funktioniere und plötzlich zu unbequem geworden bin oder als egoistisch wahrgenommen werde.

Wir könnten das gesamte Alphabet durchgehen – da gibt es ausreichend viele Aspekte … Eine Reihe davon habe ich im Text allEINsam verarbeitet. Anfang des Jahres wird er übrigens in einer Fachzeitschrift abgedruckt, wie toll ist das, bitte? Und, wie im Oktober versprochen, wird es noch ein Audio geben. Zunächst aber: heute der Podcast. Das wird sicherlich interessant, ich bin schon ganz gespannt auf den Termin. Ich werde mich melden, sobald die Folge veröffentlicht ist. Hört dann sehr gerne rein! In diesem Sinne.

Adventskalenderblattwerk 10 zum 10.12.1968: Queen for a day

Heute möchte ich euch erzählen, dass ich mir seit einigen Jahren jedes Jahr zum Geburtstag selbst ein Geschenk mache. Ich plane das nicht – sie finden mich irgendwann kurz vorher. Mal ist es etwas Kleines, wie zum Beispiel ein Paar fancy Ohrringe oder ein tolles Buch, das sich mir aufdrängt. Einmal durfte es auch ein bisschen mehr sein – ähem – und die Größe eines Klaviers annehmen. Hab ich mir zum 50. gegönnt. Das beste Geschenk ever und jeden Cent Gespartes wert!

Ein Vierteljahrhundert war ich klavierlos geblieben. Ich hatte mit 11 Jahren freiwillig mit dem Klavierunterricht begonnen. Das hieß: Täglich zwei Stunden üben – unter mütterlicher Aufsicht und ständig in Angst, einen falschen Ton zu spielen. Angst ist ein schlechter Begleiter. Nach 7 Jahren konnte ich zwar Chopin und jede Menge Technik, hatte aber kein Herz in der Musik. Wen wundert’s … Als meine Mutter gestorben war, verkaufte ich schließlich das unleidige Instrument. Die Erinnerungen blieben, doch der Mensch, der ich einmal war, erneuerte sich. Ein Vierteljahrhundert später versuchte ich es mit einem neuen Klavier aufs Neue. Seitdem spiele ich – ich übe kaum. Technik? Nicht so wichtig. Ich gönne mir so manchen falschen Ton. Egal – ich fühle die Musik. Konzerte? Nicht mehr wichtig. Ich habe den Bar-Piano-Stil für mich entdeckt. Früher undenkbar. Viel zu profan. Heute erlaube ich mir ABBA, Queen und das, was von Bach, Mozart und Beethoven noch so übrig ist in meinem Körpergedächtnis. Die großen Romantiker? Die Revolutionsetüde? Vielleicht irgendwann wieder. Jetzt gönne ich mir die Töne, die mich glücklich machen. Con spirito alato.

Man gönnt sich ja sonst nix. Vor allem selten sich selbst was Gutes. Sollte man viel öfter. Und seien es nur zehn Minuten Ruhe, während der man noch im Auto sitzen bleibt oder noch eine Runde um den Block geht, bevor man nach der Arbeit die Haustür aufschließt, Bevor der alltägliche Wahnsinn weitergeht. Gönn dir! Muss ja nicht immer ein Klavier sein. In diesem Sinne.

Adventskalenderblattwerk 9 vom 09.12.2025: Wer bringt denn nun eigentlich die Weihnachtsgeschenke?

Also die Mainzel-, äh: Heinzelmännchen waren es schon mal nicht … Die hab ich auf der Frankfurter Buchmesse getroffen, und sie hatten nur Aufkleber und Postkarten dabei. Von Rentieren, Schlitten, Weihnachtswunschlisten und Päckchen war weit und breit nichts zu sehen.

Oder sie operieren in einer geheimen Mission?! Ich bin da an was ganz Großem dran, glaube ich. In diesem Sinne.

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Adventskalenderblattwerk 8 vom 08.12.2025: SMS – Short meets Story

Zeit für ein bisschen Nostalgie … Einige von euch kennen vielleicht die Schreibaktion noch, die ich auf Facebook bis vor zehn Jahren gehostet hatte: den monatlichen Schreibwettbewerb Short Meets Story. Jeden Monat gab es einen Schreibimpuls und ein vorgegebenes Genre – zu gewinnen gab es ein Buch. Es waren tolle Texte, die dabei entstanden sind, und viele haben mitgemacht und sich der literarischen Herausforderung gestellt, denn:

Es waren die Zeiten von SMS – und man musste seinen Text auf 160 Zeichen beschränken, wollte man Versendegebühren laut Handyvertrag so gering wie möglich halten. (Die Älteren unter uns erinnern sich.) Wenn du das hier liest und genau mitzählst, bekommst du eine ungefähre Vorstellung davon, wie wenig einhundertsechzig Zeichen sind, um eine ganze Geschichte zu erzählen.

Mach mit! Die Vorgabe lautet: Schreib eine Weihnachtsgeschichte mit maximal 160 Zeichen (inklusive Leerzeichen) und poste sie in den Kommentaren auf meiner Homepage im Blog, auf Facebook oder Instagram. Wer mitschreibt, hüpft in den Lostopf – die Auslosung erfolgt am 23.12.25 um 23:12 Uhr, die Bekanntgabe spätestens Heiligabendmorgen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Das Gewinnspiel steht in keinem Zusammenhang mit Meta. In diesem Sinne.

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Adventskalenderblattwerk 6 vom 06.12.2025: Herzenssache

Werbetrommel – aus tiefstem Herzen:
Mein Herzensverein ist die Deutsche DepressionsLiga e.V.
Aus Gründen.

Das gute Miteinander und der Gemeinschaftssinn innerhalb der DDL-Community helfen mir persönlich sehr, mit meiner Erkrankung zu leben. Ich bleibe „dran“, werde ermutigt und bestärkt, kann zahlreiche Angebote wahrnehmen und mir jederzeit wertvolle Tipps und Unterstützung holen. Und dann sind da noch all die wunderbaren Menschen, die ich über die DDL kennen gelernt habe …

Seit 2022 engagiere ich mich dort ehrenamtlich, bis vor kurzem im Vorstand und als Vorsitzende.
Ich finde es wichtig, dafür zu kämpfen, Betroffenen und auch Angehörigen eine kraftvolle Stimme zu geben: gegenüber der Politik, im Kampf um mehr Therapieplätze oder auch in der Gesellschaft. Viel muss noch getan werden, damit psychische Erkrankungen ernst genommen werden; damit nicht-sichtbare Beeinträchtigungen genauso behandelt werden wie sichtbare. Unsere Erfahrungen und Bedürfnisse müssen noch mehr einfließen: in der Gestaltung von Arbeitsplätzen, bei der Entwicklung von Forschungsvorhaben und und und. Miteinander sprechen – nicht übereinander!

Ich nutze den Tag heute mal einfach, um Werbung zu machen. Wenn du betroffen bist, jemanden begleitest in der Erkrankung oder einfach nur das Thema wichtig findest: Sei dabei – werde Mitglied! Ab 1,- €/Monat bist du dabei.

Hast du eine (andere) Herzenssache? Erzähle gerne in den Kommentaren, warum sie wichtig für dich ist.
In diesem Sinne.

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Adventskalenderblattwerk 3 vom 03.12.2025: Let it glow, let it glow …

Die düstere Jahreszeit – echt getz ma! Halb fünf nachmittags ist das neue Halb-elf-abends. Den Tag beenden darf ich trotzdem nicht: zu früh für Fertig-Machen-und-ab-ins-Bett und zu spät fürs Nachmittagsschläfchen. Irgendwas is‘ ja immer …

Also quäl ich meine müden Knochen und den erschöpften Geist weiter durch den Tag. Die Dunkelheit da draußen passt zwar zu meiner Stimmung, hebt den Gesamtzustand aber in keiner Weise. Da hilft nur die Erinnerung an eine Situation, als ich das erste mal 2016 drei Monate stationär auf der Depressionsstation verbrachte: Sobald Schwester Oberin beim täglichen Ritt über die Ländereien einen Raum vorfand, in dem kein Licht brannte, donnerte sie los „Was ist das denn hier so dunkel?!“ Sprach’s und hatte auch schon im selben Moment unerbittlich die Szenerie illuminiert. Für Gegenargumente war sie nicht empfänglich. Energie sparen? Kosten sparen? Unnötige Bewegung zum Lichtschalter sparen? Papperlapapp! „Licht tut Ihrer Seele gut!“ Sprach’s und war schon wieder aus dem Zimmer gerauscht. Da bei den meisten von uns der Antrieb fehlte aufzustehen, blieben wir bis zum nächsten Programmpunkt der (meist neongrellen) Lichttherapie ausgesetzt. Und, hat’s uns geschadet?

Wir haben damals gemault und die Gesichter verzerrt wie Vampire bei Sonnenaufgang. Doch niemand war zu Staub zerfallen – nur die innere Weigerung, Licht ins Leben zu lassen, war mehr und mehr zerbröselt. Viele von uns an Depressionen Erkrankten hatten daheim zuletzt mit heruntergelassenen Jalousien gelebt, den halben Tag im dunklen Zimmer gelegen und auch sonst nicht so wirklich von innen heraus gestrahlt. Gab ja auch keinen Grund. Im Laufe der Jahre habe ich gemerkt, dass es viele gute Gründe dafür gab, Stimmungsaufhellertipps wie die folgenden mal auszuprobieren. Für Sie getestet:

  • Schalte das Licht ein! Wenn es hell um dich herum ist, bist du aktiver und wacher. Hört sich plausibel an – ist es auch. Je düsterer du dich innerlich fühlst, desto heller sollte es im Außen sein. Gerne auch in Räumen, in die du später erst hineingehen wirst. Strom sparen kannst du ein anderes Mal – jetzt soll es dir erst einmal besser gehen. Lichterketten helfen auch. Ob viele kleine Lichter oder das große Deckenlicht – egal: Power on!
  • Auch wenn du ein Fan von schwarzen Klamotten bist: Trag BUNT, wenn es dir nicht gut geht. Es wirkt Wunder, ernsthaft. Je skurriler, desto besser. Muss ja nicht außerhalb der eigenen vier Wände sein, wenn du dich nicht traust. Aber wenn du in den Spiegel guckst und grinsen musst, lächelt dir auch das Leben für einen Moment zu. Probiere es immer wieder aus. Zu viel, zu schwierig? Dann kombiniere zum frühlingsfrischen Schwarz doch zumindest bunte Söckchen! Eins. Mindestens. Komm: ein Söckchen geht doch immer! Unter der langen Hose. Sieht niemand, aber du weißt, dass es da ist. Oder trage verrückte Ohrringe, ein gemustertes Tuch, einen Schal, eine bunte Haarspange oder einen knalligen Nagellack. Bestell dir eine Handyhülle mit einem durchgeknallten Design – die siehst du jeden Tag.
  • Kauf, strick, zeichne dir irgendetwas, das leuchtet. Lass Farbe in dein Leben – irgendwann färbt es sprichwörtlich auf dich ab.

Ich habe mir dieses Jahr Discokugel-Christbaumkugeln gegönnt. Sie hängen über der Fensterbank, bewegen sich in der Heizungswärme und funkeln. Ich könnte ihnen stundenlang beim Bewegen und Funkeln zuschauen. Was heißt „könnte“ – ich tue es. Und mittlerweile kann ich mich daran erfreuen. In diesem Sinne.

Adventskalenderblattwerk 2 vom 02.12.25: Lesung, Lieder und Lametta

Jaja, ich weiß: Früher war mehr Lametta. Und wenn man auf das Bühnenbild schaut, mag man sich darin bestätigt fühlen. Aber: Es war ausgewähltes Lametta. Wiederverwendbares – so wie früher, wo ich nach jedem Weihnachtsfest die Fäden einzeln vom Baum ziehen und in einem Mäppchen sammeln musste. Anweisung von ganz oben! (Also von meiner Mutter.) Dass ich den Wums nicht noch bügeln musste, war alles. Aber ich war jung, und ein Befehl war ein Auftrag war eine Anordnung war ein Dekret und hatte nicht hinterfragt zu werden. Ach, wie einfach das Leben doch damals war …

Heute muss man ja alles selbst entscheiden:

  • Wie viel Meter Lichterkette braucht man für zwei mehrjährige Nicht-Nadelgewächse?
  • Trage ich zum Auftritt ich die Christbaumkugelohrringe mit den goldenen oder den silbernen Hängern?
  • Bekommt man einen Teenager dazu, den Büchertisch zu Muttis Veranstaltung aufzubauen und die Folien weiterzuklicken?

Antworten: 2 x 10, gold, ja.

Bei der Lesung gestern Abend gab es jedenfalls feinste Texte aus eigener Feder, sehr engagierten Gesang aus den eigenen Reihen und – wie erwähnt – besagtes Lametta. Exemplarisch glitzernde Fäden als Mahnmale für mehr Nachhaltigkeit in Buchdruck und Christbaumdekoration. Schön war’s im Saal der Dreiraumgemeinde in Suderwich! Übrig bleibt die spannende Frage, warum man immer zwei Stunden für den Aufbau und nur eine Viertelstunde für den Abbau benötigt. In diesem Sinne.