Adventskalenderblattwerk 1 vom 01.12.25: Scheiden tut weh, sprach’s und war stolz.

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.  

Also: als ich dachte. Als wir alle dachten, die wir in den vergangenen 12 Monaten in Vorstand und Geschäftsstelle, in Projekten und Ehrenamt, in Kooperationen und Gremien zusammengearbeitet haben. Auch als die Mitglieder dachten, die mich im Oktober 2024 für zwei Jahre zur Vorsitzenden gewählt haben.  

Eigentlich hatte ich vor, mein Abschiedsblögchen erst in ein paar Jahren zu schreiben. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich dieses Amt bereits nach der Hälfte der Laufzeit zurückgeben würde. So kam es aber am 26.10. auf der Mitgliederversammlung in Siegburg. Vorab: Ich danke euch und Ihnen allen für das Vertrauen, die unfassbar motivierende und berührende Wertschätzung und die stärkende Begleitung und Unterstützung meiner Arbeit im Vorstand der Deutschen DepressionsLiga.       

Eigentlich kann ich stolz auf mich sein – auch wenn es sich im ersten Moment nicht so anfühlte, als ich die Entscheidung im Oktober traf. Wie oft hatte ich jahrelang während meiner stationären und tagesklinischen Aufenthalte oder in den ambulanten Therapien gehört: „Nehmen Sie sich ernst“ und „Selbstfürsorge gehört an die erste Stelle“. Und wie oft sagen wir zu anderen Menschen: „Gesundheit ist das Wichtigste“ und „Nimm dir alle Zeit, die du brauchst“ und „Pass gut auf dich auf“. Mal ehrlich: Wie oft sagen wie diese Sätze zu uns selbst? Ob laut vor dem Spiegel oder mit unserer kaum hörbaren inneren Stimme, bis wir es endlich in die Tat umsetzen? Antwort: Ich auch nicht.   

Eigentlich. Bis mein Körper mir wieder und wieder sagte: „Es reicht!“ Ich habe nicht zugehört. Er so: „Okay, Claudia, dann noch eins obendrauf!“ Ich hab’s ignoriert. Und mein Körper so: „Du hast es noch nicht begriffen? Hier, nimm dies!“ Und wenn schon … „Gut, du hast es nicht anders gewollt …“ Ach komm, dachte ich, nur noch das hier erledigen – nach der nächsten Sache wird’s ruhiger. Dachte ich. Jedes Mal dachte ich das. Bis ich irgendwann (zum Glück) gar nichts mehr dachte, sondern nur noch fühlte: Ich muss die Notbremse ziehen! 

Darauf bin ich tatsächlich stolz: dass ich es gemacht habe. War es schwierig, vom Denken ins Tun zu kommen? O ja. Tat es weh? Und wie. Fühlte es sich wie Versagen und Scheitern an? Durchaus. Zuerst jedenfalls. Bis ich – mit vielen tröstenden Worten von lieben Menschen – darauf gestupst worden bin, wohlwollend mit mir selbst auf das Jahr zurückzuschauen und zu sehen, was ich alles geschafft habe. Zu sammeln, was ich Tolles erlebt habe und für mich einzupacken, was ich mitnehme.  

Darauf zu schauen war sehr berührend und heilsam, denn: Wie schnell vergessen wir doch, die vermeintlich „kleinen Dinge“, aber auch die richtig großen auf die Haben-Seite zu schreiben? Ich habe so einige Premieren feiern dürfen, wie ich mit meiner Erkrankung an die Öffentlichkeit gegangen bin: in meiner ersten Podcast-Teilnahme, bei einer tollen Radiosendung, in einem Fernsehdreh mit Doc Esser, und ich war tatsächlich Teil eines Filmbeitrags. Ich hatte die Ehre, den Thementag zu gestalten, und ich durfte einen Ratgeber schreiben. Ich war mutig. So mutig wie wir Betroffene alle sind, die wir den nächsten Tag angehen, und so mutig, wie wir Angehörige sind, die wir uns mit unseren Lieben gemeinsam dieser Erkrankung stellen. Viele von ihnen habe ich kennen lernen und ein Stück Weg mit ihnen teilen dürfen. Einige von ihnen kann ich mir aus meinem Leben gar nicht mehr wegdenken. 

Ich bin dankbar und froh über das vergangene Jahr, auch wenn – nein: auch weil – es mich jetzt an einen Punkt gebracht hat, vor dem ich mich jahrzehntelang weggewunden habe: die Selbstfürsorge und meine Gesundheit an erste Stelle zu setzen. (Viele von euch kennen das, oder?)  

Ich bin dankbar, dass unser bisheriger Schatzmeister Jürgen Leuther bereit war, in die Bresche zu springen und für das Amt des Vorsitzenden zu kandidieren. Danke dir und allen, die seit Ende Oktober in neuer Vorstandskonstellation den Verein weiterführen und gestalten. Habt ebensolche Freude an der Tätigkeit und allzeit ein gutes Händchen! Danke an Dagmar Siewertsen und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle für euer Engagement und die herzliche, gute Zusammenarbeit. Punktuell bleibe ich der DDL erhalten: mal mit einem Vortrag, auf einer Veranstaltung oder gerne auch in einem Projekt. Wir sehen uns also wieder – ich freue mich drauf! In diesem Sinne.  

Innerlich wie äußerlich gilt: „Auf Reisen sei der Mensch, glücklich und gesund.“ (Foto: privat)

Dr. Claudia Kociucki verabschiedet sich als DDL-Vorständin – Deutsche Depressionsliga e. V. (veröffentlicht am 1.12.2025)

Schnatt am Kalenderblatt (15.10.2025): Hochfunktional, diese Depression!

3sat NANO vom 15.10.2025 mit dem Thema Hochfunktionale Depression: Perfektion bis zum Zusammenbruch.

Vom Drehtag in Köln nehme ich ein gutes Interview, eine nette Drehatmosphäre, eine engagierte Vorbereitung und viele Gedanken mit. Von der Sendung nehme ich eine weitere, bisher unbekannte Variante der Aussprache meines Nachnamens mit.

Ein ziemlich ehrliches Portrait. In diesem Sinne.

Schnatt am Kalenderblatt (13.-14.06.2025): Wie immer Gans einmalig: Putlitz

Mitte Juni war das jährliche 42er Autoren-Klassentreffen. Wer kann und Lust hat, reist dann nach Brandenburg, wo unser Vereinssitz liegt, und gönnt sich folgendes Programm:

Freitagabend: die unvergleichliche Scheunenlesung
Samstagmorgen: die unvermeidliche Mitgliederversammlung
Samstagabend: die unerreichte Preisverleihung

Auch in diesem Jahr war es großartig, spaßig, kultig – und sehr emotional. Ich hatte zum zweiten Mal in Folge die große Ehre – gemeinsam mit dem wunderbaren Autorenkollegen Tom Liehr – die Preisverleihung zu moderieren. Wer die Innenansicht mag: Im Forum der 42er Autoren e.V. gibt es den Live-Ticker nachzulesen und viele weitere Fotos anzuschauen! Wer die Außenansicht auch lesen möchte: Ein großer Pressebericht im Nordkurier findet sich hier. In diesem Sinne.

Hier als Sneak Preview meine Bilderfavoriten (Fotos: Jörg Lingrön): Tom Liehr und ich beim Moderieren; Susanne zu Putlitz und Tochter Sophie beim Entgegennehmen der Dankeschön-Schoko-Gänse in Vertretung unseres Schirmherrn Moritz Gans Edler zu Putlitz; Christoph Hein als Zweitplatzierter und Anna Rotele als Sechstplatzierte beim Strahlen-um-die-Wette. (Fun Fact: Anna ist inzwischen Mitglied bei den 42er Autor:innen. So kann’s gehen …)

Pfarrkirche zu Putlitz, vorne Tom Liehr und ich (Foto: Jörg Lingrön)
Unser Schirmherr, Moritz Gans Edler zu Putlitz konnte leider nicht anwesend sein, aber seine Schwester Sophie und seine Mutter, Susanne zu Putlitz, nahmen am Ende unsere Schokoladengänse und weitere Dankeschöns entgegen. (Foto: Jörg Lingrön). Ein besonderer Dank gilt, wie immer, auch Ortsvorsteher Klaus Pirow, der nicht nur Fotos schießt, sondern sich unermüdlich um Technik, Aufbau und Organisation kümmert und einfach – gemeinsam mit Frau Carola ein Fels in der Brandung für unsere Veranstaltung ist. Ebenso wie die unvergleichliche Ulla Berndt.
Unser Schirmherr, Moritz Gans Edler zu Putlitz konnte leider nicht anwesend sein, aber seine Schwester Sophie und seine Mutter, Susanne zu Putlitz, nahmen am Ende unsere Schokoladengänse und weitere Dankeschöns entgegen. (Foto: Jörg Lingrön). Ein besonderer Dank gilt, wie immer, auch Ortsvorsteher Klaus Pirow, der nicht nur Fotos schießt, sondern sich unermüdlich um Technik, Aufbau und Organisation kümmert und einfach – gemeinsam mit Frau Carola ein Fels in der Brandung für unsere Veranstaltung ist.

Schnatt am Kalenderblatt (05.07.2025): Fußball und Ehrensache

Heute mache ich etwas, das ich noch NIE gemacht habe: zu einem Fußballturnier gehen. Warum ich das dennoch mit meinem Volleyball-Ich in Einklang bringen kann? Weil es ein Benefizturnier ist und die Spenden des heutigen Tages der Deutsche DepressionsLiga e.V. zugute kommen. Da bin ich doch gerne dabei und unterstütze mit einem Infostand und einem Live-Podcast-Interview. Die Literatur kommt auch nicht kurz, wenn auch nur im Umfang einer Blattseite vor: Wir sprechen über Tipps für Angehörige und nicht-sichtbare Beeinträchtigungen – da passt „Was du (nicht) siehst“ doch hervorragend rein! In diesem Sinne.

Wenn ihr in #Waltrop oder Umgebung lebt: Schaut vorbei! Es gibt Live-Musik, eine Tombola, Fußball und allerlei Stände ab 14 Uhr. https://teutonia-sus.de/helden-cup

#depressionsliga

Schnatt am Kalenderblatt (13.06.2025): Freitag, der 13. – Scheunenlesung des 42er Autoren e.V. in Putlitz

Und jährlich grüßte das (literarische) Murmeltier … Ich freue mich immer wieder, nach Putlitz zu fahren – das ist wie Klassentreffen. 2025 war mein persönliches Jubiläum vor Ort an unserem Vereinssitz in Brandenburg: Vor 10 Jahren war ich das erste Mal dabei. Mittlerweile sind wir alle älter und grauer geworden, und es sind neue, tolle Menschen hinzugekommen. Wir schreiben noch mehr als damals, aber eines ist gleich geblieben: Die Scheunenlesung am Freitagabend in der Pfarrscheune ist Kult! Erstmalig stand sie unter einem Motto – nämlich, passend zum Datum: Freitag, der 13. Moderiert wurde der Abend von der lieben Dortmunder Autorenkollegin Beate Paul, mit der ich auch die 500 km angereist war. Mit viel Liebreiz und Charme hat sie die Textbeiträge eingebettet in Anekdoten und Fakten zum Datum.

Für mich war der Leseabend eine Premiere in zweifacher Hinsicht, den meine Textbeiträge hatte ich noch nie zuvor öffentlich vorgetragen. Die Geburt meines just fertiggestellten Spoken Word Poetry-Beitrags allEINsam und des Sonetts befreit über die keine Raupe, die sich ganz viel traute, war war schmerzarm. Der Vortrag hat irre Spaß gemacht, auch wenn so persönliche Texte immer auch emotional sehr viel mit mir machen. Aber das ist ja auch das Schöne daran! Lesen macht glücklich, wie man sieht. In diesem Sinne.

PS: Wer sich ein Bild verschaffen möchte: Im 42er Forum gibt es Fotos und den Live-Ticker zum Nachlesen. Wer nicht weiß, wo Putlitz liegt, möge nachschlagen (und unbedingt mal hinfahren)! Wer wissen will, wie der 21. Putlitzer Preis tags drauf verlaufen ist, möge den nächsten Blog-Beitrag auch lesen.

Schnatt am Kalenderblatt (31.05.2025): Der Mai – eröffnet und beendet

Seit dem 10. April stand er schon in unserem Stadtteil Recklinghausen-Suderwich, unser Bücherschrank – heute wurde er offiziell „eingeweiht“. Mit kleinen Aktionen rund ums Buch, Lesungen für Groß und Klein, einem Parcours und einer Tombola konnten wir bis 16 Uhr bei bestem Wetter den Schrank einweihen. Danke an alle, die Preise für die Tombola zur Verfügung gestellt hatten! Eine Schleife (gespendet von Tina Attenberger Blüh auf!) und eine Schere (geliehen von Kerstin Liemann) waren natürlich auch am Start. Den Startschnitt machte der stellvertretende Bürgermeister Leib, flankiert von der Leiterin der Stadtbibliothek Recklinghausen, Sandra Hilse, sowie dem 1. Vorsitzenden des Verkehrsvereins Suderwich-Essel, Markus Flögel. Er darf nun stellvertretend den Spendenüberschuss des Tages zugunsten des Vereins entgegennehmen.

Der Bücherschrank wurde übrigens gefördert von der Stadt Recklinghausen (Patinnen: Claudia Kociucki und Kerstin Liemann), gebaut von den #KSR und unterstützt vom VV Suderwich-Essel. Danke noch einmal! Der rege Zulauf und die vielen netten Begegnungen und guten Gespräche zeigen, wie gut und wichtig dieser literarische Anlaufpunkt im Dorf ist.
In diesem Sinne.

Schnatt am Kalenderblatt (13.-16.05.2025): Gratis, aber nicht umsonst

Mich mit dem Tod auseinanderzusetzen – literarisch wie biographisch – war eine lohnende Sache. Es hat mich zum einen persönlich weitergebracht, aber auch zu meinem Herzensbuch geführt. Im dazugehörigen Bühnenprogramm sind die Besucher:innen immer wieder erstaunt über die Facetten, die sie entdecken können – seien es die verschiedenen Darstellungsformen oder Textsorten, seien es die unterschiedlichen Themen, die die Texte berühren: Da geht es beispielsweise um die Angst, den geliebten Menschen zu verlieren, da geht es um Sternenkinder und das Muttersein, da finden sich aber auch komödiantische und heitere Texte, wie zum Beispiel eine Persiflage auf Romeo und Julia oder eine Theaterszene über ein Ruhrgebietspaar, das sich am liebsten gegenseitig den Garaus machen würde. Und was wäre ein Buch mit Kurztexten über den Tod ohne eine Thrillergeschichte? Ach, da gibt es so viel …

Die Gratis-Kindle-Aktion ist zwar vorbei, aber es lohnt sich auf alle Fälle, das Buch zu kaufen. Egal, ob in Papierform oder für den Ebook-Reader. In diesem Sinne.

Schnatt am Kalenderblatt (20./21.04.2025): Ein Oster-Gedanke zum Ostergedanken

Was haben ein Hase, ein Ei, ein Gänseküken, eine Tulpe, ein Grab und ein Stein gemeinsam? Alle sehe ich gerade in diesem Moment von meinem Platz am Fenster aus. Die Kirche sehe ich übrigens auch, sie steht auf der anderen Straßenseite. Davor ein Kreuz aus Blumen.

Leben und Tod – zwei Dinge, die so nah beieinander liegen (nicht nur in meiner Biographie und in meinen Texten). Ostern ist die Zeit, in der wir das Leben feiern können. Feiern sollen. Nun ja, „Feiern“ ist ein großes Wort, wenn es oft schon schwer fällt, das schöne Kleine im verwirrenden, beängstigenden, erschlagenden großen Ganzen zu finden. Sich darauf zu konzentrieren. Sich daran zu erfreuen. Vielleicht gelingt es mir heute, mich daran zu erinnern, dass der jetzt blühende Obstbaum im Vorgarten irgendwann leckeres Apfelmus ergibt, dass aus dem Taubenei im Nest vor dem Fenster ein Junges hervorlugt, dass ein Sonnenstrahl mein Gesicht wärmt, wenn ich mit dem Kaffee auf dem Balkon sitze. Vielleicht gelingt es mir, mal nicht daran zu denken, dass ich es wieder einmal nicht auf die Kette kriege, das Obst rechtzeitig zu verarbeiten, dass Nachbars Katze das Nest in der Tanne plündert und dass es bald ja eh wieder regnet. Könnte. Vielleicht. Und wenn? Dann habe ich zumindest diesen kräftigenden Moment im Herzen und im Gedächtnis, in dem mir der Duft vom Apfelkompott schon in der Nase war, ich den liebevoll gurrenden Taubeneltern beim Nestbau zugesehen habe und lächelnd in den wolkenlosen Himmel schaute.

Es ist Frühling. 🥰

Und auch wenn wir es vielleicht nicht religiös betrachten: Ostern erzählt uns in einer Geschichte von vor 2000 Jahren, dass Dinge gut ausgehen können, dass das Leben Wunder-voll und jeder Moment ein kleiner Neubeginn sein kann. Daran mag ich glauben. In diesem Sinne.

#seelischegesundheit

(nach einer Idee von Happy Painting)